Die Bahn

Welch eine Farce. Bei tagesschau.de, stern.de und SpiegelOnline wird groß besagter Krisengipfel verkündet; der Titel des SpOn-Artikels wurde mittlerweile sogar in »Merkel knöpft sich Mehdorn vor« geändert. Ich bin mir sicher, dass die Bahn-Oberen, die nun über »weit reichende Änderungen an dem Konzept« nachdenken, sich nach reiflicher Überlegung in einem großen Akt der Selbstaufopferung dazu durchringen werden, die absurde Bedien-Gebühr doch nicht einzuführen.

Erreicht haben sie mit der einkalkulierten Empörungswelle vor allem eines, ihr eigentliches Ziel: Dass die Allgemeinheit sich ob des erreichten Erfolges zufrieden zurücklehnt und das tatsächliche Übel, nämlich die unverschämte erneute Preissteigerung, ohne größere Proteste durchgezogen werden kann. Chapeau!

Zugleich ist die Diskussion eine willkommene, weil seltene Möglichkeit für Spitzenpolitiker, sich als Gallionsfiguren des Volkswillens aufzuspielen und in lautes Protestgeschrei auszubrechen. Auch wenn man dem Bürger sonst leider doch viel abverlangen muss – Stichwort »Eigenverantwortung« – zwei Euro fünfzig für den Schalterservice hat man ihm erspart.

Zeit für Jubelarien.

Nachtrag (12.9.08, 9:40 Uhr)
Sieh mal einer an, das ging ja schneller, als gedacht …

Nachtrag (17.9.08, 9:36 Uhr)
Ganz wie vermutet: Die kommenden Preissteigerungen sind komplett aus der Wahrnehmung der Medien sowie der Bevölkerung getilgt.

Roth mit Putin

Es ist schon interessant, dieses Interview von Thomas Roth mit Wladimir Putin, das kürzlich in dieser auf neun Minuten gekürzten Fassung in der ARD gezeigt wurde.

Erheblich interessanter ist allerdings all das, was gekürzt worden ist. Beim Spiegelfechter kann man sich das gesamte Interview ansehen und/oder durchlesen. Spannend auch die Frage nach Zensur bzw. Inkompetenz in Bergers Artikel sowie in der teils hitzigen Debatte in den Kommentaren.

Irgendwie widerstrebt es mir immer noch, die Medien unter Generalverdacht zu stellen; allerdings ist es mir vom ersten Tag des Konflikt übel aufgestoßen, dass man keine vernünftigen Hintergrund-Informationen über die Anfänge des Konflikts erhielt, wenn man die Berichterstattung im Fernsehen verfolgt hat. Zwar wurden z. B. Südosseten und deren zerstörte Häuser gezeigt, die sich über die Angriffe der Georgier beklagten, doch eine genauere Erläuterung, inwieweit diese Vorwürfe der Wahrheit entsprachen und somit die erste Aggression tatsächlich von Georgien ausgegangen war, blieb grundsätzlich aus. Von Anfang an stand Russland als Aggressor im Mittelpunkt des Interesses; eine andere Sichtweise konnte man so kaum gewinnen.

Insofern können einen die zahlreichen kritischen Kommentare im tagesschau-Blogeintrag zum Interview kaum verwundern. Es ist zugleich toll anzusehen, dass sich viele eine zu einseitige Darstellung nicht gefallen lassen. Ob der Blog nun aufgrund der vielleicht zu kritischen Beiträge temporär offline ist war, entzieht sich meiner Kenntnis.

Nachtrag 1 (1.9., 17:36 Uhr):
Thomas Roth hat sich zu den Vorwürfen schriftlich geäußert.

Nachtrag 2 (2.9., 11:14 Uhr):
Eine längere Version des Interview-Videos ist nun auf tagesschau.de online.

Nachtrag 3 (4.9., 08:07 Uhr):
Im Deutschlandfunk lief gestern Morgen ein Interview mit Thomas Roth zum Thema. In meinen Ohren wirken seine Aussagen sehr uneinsichtig und beschwichtigend (mp3-Datei gibt es hier).

In der letzten Kerner-Sendung traf LIDL-Aufsichtsratschef Klaus Gehrig auf den LIDL-Skandal-Enthüller Markus Grill sowie Günter Wallraff, der kürzlich undercover in einer Brötchenfabrik eines LIDL-Zulieferers arbeitete und unfassbare Arbeitsbedinungen enthüllte.

Auf SpiegelOnline findet man eine pointierte Besprechung der Sendung unter dem Titel »Keine Shakehands mit Herrn Dings« – die Sendung selbst hoffentlich bald in der ZDF Mediathek als Videostream.

Günter Wallraff hat bereits am Tag der Arbeit einen Artikel über seinen Undercover-Einsatz in einer Bäckerei, die für Lidl Brötchen herstellt, im »ZEITmagazin« veröffentlicht. Lesenswert! Interessant auch die Zurückweisung der erhobenen Vorwürfe auf der technisch wie gestalterisch hervorragenden Website von Weinzheimer. Schöner Ortsname zudem!

[Nachtrag: Ein Videobeitrag dazu auf SWR.de sowie ein ergänzendes Interview mit Wallraff auf ZEITonline]

[Nachtrag 2: LIDL hat auf seiner Seite eine Information veröffentlicht. Die Frage, die sich mir vor allem stellt: Wie kann es sein, dass drei Institute bei sechs unangemeldeten Qualitätssicherungsaudits bei besagter Firma keine Mängel feststellen konnten?]

Zufällig bin ich über diese fein geschriebene, mit vielen Kriegsmetaphern gewürzte Hommage an das fleischgewordene Witzebuch Fips Asmussen gestolpert. Einzig den letzten Absatz des Artikels, der zunächst einige der typischen Asmussen-Kalauer wiedergibt und dann vom »großen alten Mann des deutschen Kabaretts« spricht, muss man wohl hoffentlich als augenzwinkernde Anleihe bei des Asmussens verschobener Selbstwahrnehmung verstehen … angesichts des treffenden Schlusszitats ist es kaum anders zu deuten.

Es gab einmal eine Zeit, da verstand man unter dem Begriff »Reformen« Schritte, die nötig waren, um die Lage der Bürger im Allgemeinen zu verbessern. Eine Reform war die Ausnahme von der Regel, damit das System als solches und somit auch der Staat Stabilität verkörpern konnte.

Heute gilt jegliche Reform als eine Art Allheilmittel und die neoliberalen Hohepriester möchten es möglichst als optimalen Dauerzustand darstellen. Als könnte auch hier der Weg das Ziel sein. Das Wort »reformieren« wird grundsätzlich synonym zu »Gürtel enger schnallen« verwandt. Rein theoretisch sind damit alle gemeint, rein praktisch trifft es seit Jahren vor allem die unteren Einkommensklassen. Zugleich werden immer mehr Menschen in Zeitarbeit und vom Staat subventionierte Niedriglohnjobs gebracht und ständig mit Horrormeldungen zum Thema Altersvorsorge gefüttert – und gleichzeitig wundern sich »Experten« über die stagnierende Binnennachfrage trotz der scheinbar niedrigen Arbeitslosenzahlen.

Über die NachDenkSeiten bin ich auf diesen Artikel von Matthias Breitinger gestoßen, der die fragwürdigen Ansichten des »Konvents für Deutschland« der Herren Herzog und Clement gehörig auseinandernimmt.

Jede Reform ist nur die Reform vor der Reform. Und jeder Schritt auf die Interessen der Wirtschaft zu wird als solche tituliert. Bestes Beispiel der letzten Zeit ist die Privatisierung der Bahn. Obwohl eine absolute Mehrheit der Menschen dagegen ist, die Bahn überhaupt zu privatisieren, wird ein Verkauf von 24,9% der Zwischenholding für den Personen- und Frachtverkehr an private Anleger beschlossen. Und zugleich wird eine beabsichtigte Festschreibung dieses Prozentsatzes schlicht weggelassen, wodurch sich dieser in absehbarer Zukunft unter einer neuen Regierung ohne größere Schwierigkeiten auf 49,9% oder darüber hinaus aufstocken lassen wird.

Die Rentenlüge

28. April 2008

Die Inhalte der vor kurzem hier erwähnten Doku »Rentanganst!« hat der SWR in einem TV-Beitrag des Magazins »Odysso« zusammengefasst. Einige wichtige Punkte werden hier wiedergegeben, unter anderem auch die Aussagen des allgemein gern zitierten Experten Dr. Bernd Raffelhüschen vor Versicherungsvertretern (»(…) im Grunde genommen nichts anderes als die größte Rentenkürzung, die es in Deutschland jemals gegeben hat!«), die hier aber leider nicht wie in der Doku direkt von einer seiner Aussagen für die Öffentlichkeit konterkariert wird (»Wir machen gar keine Rentenkürzung. Wir haben auch noch nie eine Rentenkürzung beschlossen.«). Leider ist die Doku nicht länger auf YouTube zu sehen … sie wird am 2. Juni um 22.30 Uhr im SR/SWR wiederholt! Weitersagen!

Im Zusammenhang mit der Rente werden auch immer wieder scheinbare Allgemeinplätze zur Demografie geäußert. Auch hierzu hat »Odysso« einen Magazinbeitrag zu bieten.

Zum Thema private Rente hat auch das Politmagazin »Monitor« einen sehenswerten Beitrag ausgestrahlt: »BILD und die Rentenangst – harte Interessen, weiche Zahlen« – im März 2006!