Gipfelsturmus Interruptus
30. Juni 2008
Im Abseits
13. Juni 2008
Bei der EM 2008 gibt es bereits einige strittige Abseits-Entscheidungen zu vermelden. Während das Kopfballtor von Portugals Pepe gegen die Türkei nicht gegeben, weil fälschlicherweise auf Abseits entschieden wurde und die Holländer mit van Nistelrooys Treffer einer seit Jahrzehnten im Verborgenen vor sich hinschlummernden Regel zu neuem Ruhm verhalfen, wurde im gestrigen Spiel Österreich – Polen ein Abseitstor nicht erkannt. Obwohl dieser Fauxpas durch eine sehr fragwürdige Elfmeter-Entscheidung wenige Sekunden vor Spielende “ausgeglichen” wurde, verunglimpfte die heilige Dreifaltigkeit (Klopp, Kerner, Meier) nach Spielschluss den Treffer der Polen als »Dreckstor«.
Abgesehen von der grenzwertigen Wortwahl, frage ich mich, ob die drei sich die Szene wirklich angesehen haben. Natürlich stand Guerreiro bei Ballabgabe im Abseits, das konnte man im Standbild deutlich erkennen; der Schiri an der Seitenlinie hätte es folglich sehen müssen. Wenn man sich das Spielgeschehen aber in Echtzeit ansieht, ist die Abseitsposition auch in der x-ten Wiederholung wahrlich schwer auszumachen, da Guerreiro nur einen Augenblick lang im Abseits steht . Der Linienrichter stand ja annähernd optimal und wäre es tatsächlich so deutlich gewesen, hätte er es gesehen. So aber musste er sich der Häme eines mit Superzeitlupe ausgestatteten Urs Meier ausgesetzt sehen.
In meinen Augen soll die Abseitsregel in erster Linie verhindern, dass ein Stürmer ständig in der Nähe des Strafraums herumlungern und entspannt auf einen Pass auf der Tiefe des Raumes warten kann. Die Zerfaserei von hektischen Spielsituationen vor dem Tor durch einen Linienrichter, der nachgewiesenermaßen gar nicht alle Spielerbewegungen erfassen kann, grenzt an ein Glücksspiel. Ich empfinde es auch als deutlich schlimmer, wenn in solchen Situationen ein reguläres Tor zum Abseitstor erklärt wird, als umgekehrt. Dass unter solchen Umständen bei den heutigen technischen Möglichkeiten nicht längst auf den Videobeweis zurückgegriffen wird, kann ich nicht nachvollziehen.
Das Ende der Dinosaurier-Autos
5. Juni 2008
Es ist selten geworden, dass ich einem SpiegelOnline-Artikel annähernd gänzlich zustimmen kann, aber in diesem Fall ist es endlich wieder soweit.
Ich erinnere mich daran, wie ich eines dieser Vehikel zum ersten Mal auf der Straße sah. Es wirkte so schlecht proportioniert und protzig und ungelenk, dass ich mich direkt fragte, wer sich um Himmels Willen in der heutigen Zeit dazu entschließt, ein solches Fahrzeug herzustellen, das mich sofort an den Volkswagen auf Stelzen, Golf Country genannt, zurückdenken ließ. Als ich dann Porsche las, fiel mir die Kinnlade auf die Brust. Ich konnte es wirklich nicht fassen: DAS sollte ein Modell des bekanntesten deutschen Sportwagenherstellers sein? Kopfschüttelnd ging ich, eifrig grübelnd über “geniale” Managerentscheidungen wie die Einführung des VW Phaeton und absolut davon überzeugt, dass auch dem Cayenne nur ein ähnlich bescheidener Erfolg beschieden sein würde, von dannen. Zu weit hergeholt schien mir der Gedanke, dass es viele Menschen geben könnte, die sich für eine solche Chimäre aus Edelkarre und Monstertruck begeistern könnten.
Ich sollte mich sehr irren. Sicherlich hatte mir dabei auch mein nach der Pubertät versiegtes Interesse an Automobilen und entsprechenden Publikationen ein Schnippchen geschlagen, sonst hätte ich den kommenden Hype der SUVs durchaus ahnen können. So war ich aber sprachlos ob der immer größer werdenden Zahl an Schein-Geländewagen auf den Straßen, von denen 99% wahrscheinlich ihr Lebtag nicht einen Quadratmeter Feldweg, geschweige denn echtes Gelände unter die Riesenräder bekommen dürften. Kein Wunder, denn da könnte ja auch der Lack oder die hochglanzpolierten Felgen einen Kratzer abbekommen – und was dann?
Liest man sich die Diskussion im zum Artikel zugehörigen Diskussionsfaden durch, erscheint als Hauptargument der SUV-Befürworter das Wort “Sozialneid”. Im Grunde braucht man dazu nicht viel mehr zu sagen, das sagt bereits viel darüber, wer sich solche Fahrzeuge kauft und welche Weltsicht er vertritt (ich müsste jetzt hier den Talkshow-Allgemeinplatz “Das darf man aber nicht verallgemeinern!” plazieren, obwohl ich das für einen absoluten Nonsenssatz halte, denn was kann man schon verallgemeinern – aber nun steht er trotzdem hier). Kritiker wie ich würden sich eben niemals ein SUV kaufen und sogar, wenn man es mir schenken würde, würde ich das Ding ohne Umschweife verscherbeln. Es geht nicht darum, dass jemand sich das Fahrzeug leisten kann, es geht schlicht und einfach darum, dass diese Teile zuallererst zweierlei sind: Sinnfrei und protzig. Und dadurch peinlich und geschmacklos. Wer sinnfrei und protzig nicht peinlich und geschmacklos findet, der kauft sich ein SUV und regt sich fortan von oben über die Sozialschmarotzneider in ihren beengten Twingos, Corsas und Polos auf, die in Wahrheit alle vom Touareg träumen.
Übrigens könnte man hier einhaken und fragen, warum ich denn nicht auch Sportwagen in dieselbe Kategorie stecke, denn auch die sind ja mindestens ebenso sinnfrei und protzig. Letztlich tue ich das auch, aber diese haben meiner subjektiven Wahrnehmung nach lange nicht eine solche Verbreitung gefunden, wie SUVs. Durch die geringe Präsenz haben sie sich auch ihren gewissen Exoten-Status erhalten – und fast alles, was selten ist, übt einen gewissen Reiz aus, sogar auf Automobil-Faszinationsabstinenzler wie mich. Zumal Sportwagen vor allem optisch Welten von diesen Ungetümen trennen.
Mit einem Punkt des gefeierten Artikels bin ich übrigens nicht einer Meinung: Obwohl Hummer mit seinen Extremkarren offenbar ein großes Problem hat, glaube ich nicht, dass das Ende des SUV-Zeitalters schon angeläutet ist. Dafür sehe ich eine zu große Steigerung derer Präsenz im Straßenverkehr. Insofern ist die Überschrift dieses Beitrags eher Wunschdenken als Feststellung.
[Nachtrag: Ein witziger Beitrag aus dem SpiegelOnline-Forum soll hier nicht unerwähnt bleiben.
allesbesserwisser schrieb:
Bei uns im Gewerbegebiet steht eine freie Tankstelle, im Schnitt 3 bis 4 Cent billiger als die Markentankstellen. Da stehen sie dann Freitagsabends Schlange, unsere Herren Mittelständler mit ihren Cayennes, Q7, X5 und M-Klassen.
Rückstau bis auf die Straße, kein Scherz. Kaufen sich Traktoren mit 25 Liter Verbrauch, und stehen dann Schlange, wie in der DDR, um beim Sprit 3 Cent zu sparen. Generation Möchtegern.
Das ist auch so eine Sache, die mir immer mehr auffällt. Es ist heutzutage kein Widerspruch mehr, ein teures Auto zu fahren (oder auch zwei) und trotzdem ständig über Benzin-Cents, Rabatt-Aktionen und Sonderpreise zu schwadronieren, bei jeder (un)passenden Gelegenheit mit einem Gutscheinheft zu wedeln und möglichst viel bei Lidl, Aldi & Co. einzukaufen.]
Kinski – Jesus Christus Erlöser
21. Mai 2008

»Ich gehe jetzt noch ein Mal – und zwar zum letzten Mal – weg. Und wenn auch nur ein einziger übrigbleibt, der das hören will, dann muss er so lange warten, bis das andere Scheiß-Gesindel weggegangen ist!«
Seit einigen Tagen ist ein interessanter Doku-Film in den Kinos: »Kinski – Jesus Christus Erlöser«; die Dokumentation eines außergewöhnlichen Abends im Herbst 1971. Klaus Kinski in einer abendfüllenden Auseinandersetzung mit einem widerspenstigen Publikum.
Ich bin gespannt, ob das wirklich einen Kinofilm ergibt und sobald er auch in hiesigen Gefilden zu sehen ist, gibt es dazu einen Post. Die filmstarts-Rezension gibt Grund zur Hoffnung.
Petition gegen Bahnprivatisierung
17. Mai 2008
Herwig Kerscher* hat bereits am 22. April eine öffentliche Petition gegen die geplante Bahnprivatisierung auf den Seiten des deutschen Bundestages gestartet, die bislang noch viel zu wenige Unterzeichner gefunden hat. Also los jetzt! Und bitte weitersagen …*
P.S. Bitte nicht über die Link-Adresse wundern; die Petitionsausschuss-Seiten werden vom International Teledemocracy Centre an der Napier Universität in Edinburgh betreut, das das System mit Unterstützung der British Telecom Scotland entwickelt hat.
Gefunden via NachDenkSeiten.
*[Nachtrag am 20.5.: Ein Autor der Nachdenkseiten wies netterweise gerade per Kommentar darauf hin, dass Initiator Kerscher ein Mitglied der »Republikaner« ist. Das ist natürlich Mist … stellt sich die Frage, ob man deshalb eine an sich sinnvolle Petition nicht unterstützt? Diesbezüglich finde ich diese Ansicht recht sinnig.]
*[Nachtrag II am 4.6.: Der Petent hat nun gegenüber den NachDenkSeiten versichert, kein Mitglied der »Republikaner« mehr zu sein (was natürlich lange nicht heißen muss, dass er seine Gesinnung geändert hätte).]
Zuerst die Biene – dann der Mensch
9. Mai 2008
»Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.«
Dieses Zitat wird oft Albert Einstein zugeschrieben, aber wahrscheinlich hat es eher ein anderer kluger Kopf geäußert. Wie dem auch sei – es ist schon erstaunlich, wie rabiat der Mensch mit der Natur umgeht. Von leichter Hand werden da Nervengifte freigegeben und eingesetzt, obwohl offensichtlich die Wirkung auf Lebewesen nicht zureichend erprobt wurde – vorausgesetzt, der Verdacht der badischen Imker stimmt. Wie kurzsichtig und dumm, wenn man sich klarmacht, dass die Ernten der Landwirtschaft unmittelbar von den Bienen abhängen.
Nachfragen unerwünscht
8. Mai 2008
Zu dem Fall Josef Fritzl wollte ich eigentlich aufgrund des bereits vorhandenen Medienhypes nichts schreiben, aber den Umgang mit Fehlern der ermittelnden Behörden finde ich einen Eintrag wert. Auf SpiegelOnline findet man diesen Videobeitrag zum Fall, in dem Franz Polzer, Leiter der Ermittlungen in Amstetten, dazu interviewt wird. Konkret geht es darum, wie die Behörden auf die seltsamen sog. Kindsablegungen reagiert haben; naheliegend wäre z.B. gewesen, herauszufinden, in welcher Sekte die Tochter untergekommen ist.
Franz Polzer: Es gibt unglaublich viele 18- und 19jährige, die gerade zu diesem Zeitpunkt ihr Elternhaus verlassen – manchmal ganz absichtlich, manchmal mit dem Wissen der Eltern – aber in sehr, sehr vielen Fällen, wo sie einfach weg wollen, weil es die Zeit ist, ein eigenes Leben zu beginnen.
Spiegel-Reporter: Also hat man denn mal nachgefragt beim Sektenbeautragten oder bei einer Stelle, die sich damit auskennt?
FP: (kurze Pause) Ich möchte Ihnen auf diese bohrenden Fragen keine Antworten mehr geben, denn …
S: Aber wieso, es liegt doch nahe, dass man mal nachfragt?
FP: Danke schön, ich möchte dieses Interview jetzt abbrechen.
S: Aber warum, es ist doch klar, dass man …
FP: Danke schön! Danke schön.
Keine Antwort ist auch hier mal wieder eine Antwort.
