Sozialismus für Reiche

17. September 2008

Finanzkrise

Fassungslos ob der erneuten »überraschenden« Finanzkrise möchte ich auf zwei sehr interessante Artikel verweisen:

Tagesspiegel: Sozialismus für Reiche
Zitat: »Wenn die Steuerzahler aber schon für das Versagen anderer bluten müssen, dann sollten sie von ihren Regierungen mindestens erwarten können, dass diese radikal gegen die Missstände vorgehen, die überhaupt erst in die Krise geführt haben. Genau das bleiben die amtlichen Lenker der Hochfinanz in Zentralbanken und Ministerien aber bisher schuldig und betreiben de facto eine Art Sozialismus für Reiche, der mit Steuergeld Aktionäre und Manager begünstigt. Der Grund dafür ist simpel: Sie tragen erhebliche Mitschuld.«

Tagesschau: Die Gier ist schuld
Zitat: » (…) ein echter Skandal. Immer größere Anteile der Wertschöpfung gehen an das Kapital und an die Kapitaldienstleister, vor allem an Banker. Die Statistik zeigt zum Beispiel, dass ein Prozent der amerikanischen Bevölkerung 23 Prozent der Wertschöpfung bekommt. Und davon sind ein großer Anteil Managervergütungen. Die haben den Karren in den Dreck gesetzt. Aber im wesentlichen müssen jetzt die anderen, die unter dem Druck, den die erzeugt haben, leiden, auch noch den Karren rausziehen. Und zwar auch mit Steuergeldern, die die Manager nur unterproportional geleistet haben.«

Passend dazu aktuell große Freude auf stern.de (man beachte das Bild): US-Notenbank rettet AIG

Die Bahn

Welch eine Farce. Bei tagesschau.de, stern.de und SpiegelOnline wird groß besagter Krisengipfel verkündet; der Titel des SpOn-Artikels wurde mittlerweile sogar in »Merkel knöpft sich Mehdorn vor« geändert. Ich bin mir sicher, dass die Bahn-Oberen, die nun über »weit reichende Änderungen an dem Konzept« nachdenken, sich nach reiflicher Überlegung in einem großen Akt der Selbstaufopferung dazu durchringen werden, die absurde Bedien-Gebühr doch nicht einzuführen.

Erreicht haben sie mit der einkalkulierten Empörungswelle vor allem eines, ihr eigentliches Ziel: Dass die Allgemeinheit sich ob des erreichten Erfolges zufrieden zurücklehnt und das tatsächliche Übel, nämlich die unverschämte erneute Preissteigerung, ohne größere Proteste durchgezogen werden kann. Chapeau!

Zugleich ist die Diskussion eine willkommene, weil seltene Möglichkeit für Spitzenpolitiker, sich als Gallionsfiguren des Volkswillens aufzuspielen und in lautes Protestgeschrei auszubrechen. Auch wenn man dem Bürger sonst leider doch viel abverlangen muss – Stichwort »Eigenverantwortung« – zwei Euro fünfzig für den Schalterservice hat man ihm erspart.

Zeit für Jubelarien.

Nachtrag (12.9.08, 9:40 Uhr)
Sieh mal einer an, das ging ja schneller, als gedacht …

Nachtrag (17.9.08, 9:36 Uhr)
Ganz wie vermutet: Die kommenden Preissteigerungen sind komplett aus der Wahrnehmung der Medien sowie der Bevölkerung getilgt.

Roth mit Putin

Es ist schon interessant, dieses Interview von Thomas Roth mit Wladimir Putin, das kürzlich in dieser auf neun Minuten gekürzten Fassung in der ARD gezeigt wurde.

Erheblich interessanter ist allerdings all das, was gekürzt worden ist. Beim Spiegelfechter kann man sich das gesamte Interview ansehen und/oder durchlesen. Spannend auch die Frage nach Zensur bzw. Inkompetenz in Bergers Artikel sowie in der teils hitzigen Debatte in den Kommentaren.

Irgendwie widerstrebt es mir immer noch, die Medien unter Generalverdacht zu stellen; allerdings ist es mir vom ersten Tag des Konflikt übel aufgestoßen, dass man keine vernünftigen Hintergrund-Informationen über die Anfänge des Konflikts erhielt, wenn man die Berichterstattung im Fernsehen verfolgt hat. Zwar wurden z. B. Südosseten und deren zerstörte Häuser gezeigt, die sich über die Angriffe der Georgier beklagten, doch eine genauere Erläuterung, inwieweit diese Vorwürfe der Wahrheit entsprachen und somit die erste Aggression tatsächlich von Georgien ausgegangen war, blieb grundsätzlich aus. Von Anfang an stand Russland als Aggressor im Mittelpunkt des Interesses; eine andere Sichtweise konnte man so kaum gewinnen.

Insofern können einen die zahlreichen kritischen Kommentare im tagesschau-Blogeintrag zum Interview kaum verwundern. Es ist zugleich toll anzusehen, dass sich viele eine zu einseitige Darstellung nicht gefallen lassen. Ob der Blog nun aufgrund der vielleicht zu kritischen Beiträge temporär offline ist war, entzieht sich meiner Kenntnis.

Nachtrag 1 (1.9., 17:36 Uhr):
Thomas Roth hat sich zu den Vorwürfen schriftlich geäußert.

Nachtrag 2 (2.9., 11:14 Uhr):
Eine längere Version des Interview-Videos ist nun auf tagesschau.de online.

Nachtrag 3 (4.9., 08:07 Uhr):
Im Deutschlandfunk lief gestern Morgen ein Interview mit Thomas Roth zum Thema. In meinen Ohren wirken seine Aussagen sehr uneinsichtig und beschwichtigend (mp3-Datei gibt es hier).