Einstimmig
11. April 2008
Bei der morgendlichen toilettären Tageszeitungslektüre fiel mir vor einiger Zeit ein Satz auf, den ich bereits am Tag zuvor exakt so gelesen zu haben meinte. Und noch einer. Und noch einer.
Verdutzt suchte ich im Netz die Websites bekannter Zeitungen und Magazine auf und es bot sich mir immer das gleiche Bild: Als hätte ein Überjournalist per Copy & Paste denselben Artikel in allen Medien untergebracht. Als Quelle war jeweils eine deutsche Nachrichtenagentur, ich meine, die dpa, angegeben. Ich fragte mich, ob es denn sein kann, dass seriöse Journalisten einen kompletten Artikel einfach übernehmen und höchstens mit dem ein oder anderen Halbsatz aus dem eigenen Oeuvre garnieren? Höchst suspekt, leider kann ich mich nicht mehr an das Thema des Textes erinnern, aber sobald es mir wieder einfällt, ergänze ich es an dieser Stelle.
Weshalb ich diese alte Story wieder auspacke? Etwas ähnliches ist nun wieder passiert, nur etwas eklatanter, da eine klare Falschmeldung quer durch alle Medien gegangen ist.
Es geht um die von der EU angedachten Untertitelungen von Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Gestern habe ich das bereits gelesen und fand es durchaus sinnvoll. Allerdings scheint die Meldung bei einigen ganz anders angekommen zu sein, z.B. bei der französischen Nachrichtenagentur AFP. Die verbreitete seither fröhlich, dass Sendungen laut EU-Vorschlag künftig nur noch im Original mit Untertiteln ausgestrahlt werden sollen – und zig Medien plapperten diesen Unsinn nach.
Sehr treffend hat diesen Vorgang der Journalist Stefan Niggemeier in seinem Blog wiedergegeben.
Stellt sich die Frage, ob unsere angeblich immer schnellebigere Zeit der Grund für diese Arbeitsweise ist? Oder schlicht Bequemlichkeit? Es ist ja sicherlich weniger anstrengend, einmal STRG+C, äh, sorry, APFEL+C und APFEL+V zu drücken, als selbst zu recherchieren oder die kopierten Texte zumindest einmal grob auf die wiedergegebenen Behauptungen zu prüfen.
Man mag diesen konkreten Fauxpas als eher unwichtige Marginalie abtun, doch wer garantiert mir, dass mit wichtigeren, essenziellen Themen nicht ähnlich umgegangen wird? Dass aus lauter angewöhnter Nachplapperei auch Halbwahrheiten oder gar Lügen verbreitet werden, und zwar durchaus auch dauerhaft, wenn diese im Vorfeld von einer Lobby gut vorgekaut und dann als schmackhafte Häppchen serviert wurden?
»Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.«
– George Orwell, 1984