Hart aber fair: »Castingwahn«
10. April 2008
Henryk M. Broders politisch unkorrekte Art ist nicht jedermanns Sache. So mancher seiner Artikel ist mir aber eine willkommene Abwechslung vom Mainstream-Geschreibsel. Seine freundliche Abhandlung zu DSDS ließ mich allerdings nur stirnrunzelnd zurück. Dass er sich von der Sendung gut unterhalten fühlt, scheint ihm Grund genug zu sein, Superjuror Bohlen und RTL einen Freifahrtschein auszustellen, was die Behandlung der Kandidaten angeht.
Die »Hart aber fair«-Redaktion hat sich von dem Artikel wohl so inspiriert gefühlt, dass sie am gestrigen Abend eine Sendung mit dem branchenüblich aufgebauschten Titel »Superstar statt Fleißarbeit – verfällt ein Land dem Castingwahn?« produziert hat. Natürlich war Broder mit von der Partie und die meisten seiner Thesen, die von der Redaktion zu Einspielern verwurstet wurden. Unter anderem leider auch der unsinnige Vergleich mit unserer heutigen Arbeitswelt.
Ich habe Broder schon in einigen Diskussionen gesehen, und der Mann polarisiert immer. Gestern selbstverständlich auch, aber er lieferte zugleich auch eine schwache und peinliche Vorstellung ab. Seine albernen Kabbeleien mit dem von seinen Dauerkontern sichtlich überforderten Psychologen Wolfgang Bergmann und seine herablassende Art Joy Fleming gegenüber ließen einen vor lauter Fremdscham fast (aber nur fast) wegzappen. Treffend war an diesem Abend lediglich einer seiner zynisch-süffisant dargebotenen Kommentare, und zwar, als er Daniel Küblböck als »altklug« abkanzelte. Dessen selbstmitleidsgetränktes Gerede war kaum zu ertragen.
Auch Joy Fleming war leider eine eklatante Fehlbesetzung, denn sie wusste zum Thema nur Plattitüden beizusteuern und desöfteren ließ sie sich dabei ertappen, wie sie ihre eigentliche Meinung dem Applaus des Publikums anpasste: Auf ihr verzogenes Gesicht nach einem Einspieler mit Küblböcks kläglichen Sangesversuchen angesprochen, der aber unerwartet vom Publikum mit starkem Applaus gewürdigt wurde, verlautbarte sie eine halbherzige Lobhudelei, die ihr wohl niemand abgenommen haben dürfte.
Bergmann hingegen unterstellte DSDS eine große Zynik und Verantwortungslosigkeit und wurde zur Strafe von Broder und Thomas Stein in Grund und Boden geredet. Nicht, weil sie Recht hatten, sondern weil eine polternde Zynik einfach deutlich unterhaltsamer ist, als moralisch einwandfreies und politisch korrektes Fernsehen. Wobei wir wieder bei DSDS wären.
Wer bestreitet eigentlich, dass die Zuschauer die Sendung hauptsächlich wegen Bohlens Sprüchen schauen? Ein jeder kann aus diesen etwas anderes ziehen: Die einen plappern sie begeistert nach, andere empören sich einen Abend lang. Gut unterhalten fühlen sich alle.
Gibt es denn dann überhaupt ein Problem? Meines Erachtens ja, und es beginnt mit den Vor-Castings, bei denen neben guten Kandidaten vor allem abgedrehte Selbstdarsteller, aber auch viele unter einer völlig verqueren Selbsteinschätzung leidende Jugendliche zur nächsten Runde zugelassen werden, in der sie sich dann direkt vor Bohlens Jury und eventuell auch vor einem Millionenpublikum am Fernseher zur Schau stellen – falls sie peinlich, schlecht oder dumm genug sind, um von Bohlen ordentlich in die Pfanne gehauen werden zu können. Diese Jugendlichen haben ganz offenbar niemanden, der ihnen davon abrät, dies zu tun und werden nach der Sendung mit Häme und Spott übergossen, wie sie es sich nie hätten träumen lassen.
Als menschenverachtend empfindet es Broder aber vielmehr, wenn man Menschen vor sich selbst zu schützen versucht. Vielleicht ist ihm entgangen, dass 1970 im TV der Fernsehfilm »Das Millionenspiel« ausgestrahlt wurde, bei dem es darum ging, dass der Kandidat einer TV-Show eine Woche lang vor Auftragskillern flüchten muss und in dem die Zuschauer dazu aufgerufen wurden, ihm zu helfen oder ihn auffliegen zu lassen. Interessant war hier nicht unbedingt der Film selber, sondern die Reaktionen, die er beim realen TV-Publikum hervorrief: Obwohl der Kandidat im Film starb, riefen viele die fiktive Nummer an und wollten sich als Kandidat oder Verfolger für die Show anmelden. Dies klärt für mich die Frage, ob und wer die Menschen, ja, auch vor sich selbst schützen muss, sehr deutlich.
Derjenige, der Menschen eine Bühne bietet, trifft durch seine Auswahl und die Mittel der Präsentation unmittelbar die Entscheidung, wie diese wirken werden. Und wenn man, so wie RTL es immer wieder macht, den Boden beben lässt, wenn eine fülligere Kandidatin in Erscheinung tritt oder virtuelle Spuckesprenkler auf der Mattscheibe verteilt, wenn ein Kandidat lispelt, und das nicht nur einmal, sondern minutenlang, dann tritt die Absicht mehr als deutlich hervor.
Broder differiert nicht zwischen TV-Profis, die sich im Dschungel absichtlich zum Horst machen und völlig medienunerfahrenen Leuten, an deren unverblümter Erniedrigung sich Millionen von Zuschauern laben. Und das, wenn diese halbwegs originell war, zigmal, denn gerade diese Clips werden im Laufe der Zeit immer und immer wieder gezeigt. Der Leidensweg endet nicht mit einigen harschen Worten Bohlens, sondern er beginnt damit.
[Zusatz am 14.4.2008: Broder hat noch einmal nachgelegt und liegt immer noch total daneben.]