Die Rentenlüge
28. April 2008
Die Inhalte der vor kurzem hier erwähnten Doku »Rentanganst!« hat der SWR in einem TV-Beitrag des Magazins »Odysso« zusammengefasst. Einige wichtige Punkte werden hier wiedergegeben, unter anderem auch die Aussagen des allgemein gern zitierten Experten Dr. Bernd Raffelhüschen vor Versicherungsvertretern (»(…) im Grunde genommen nichts anderes als die größte Rentenkürzung, die es in Deutschland jemals gegeben hat!«), die hier aber leider nicht wie in der Doku direkt von einer seiner Aussagen für die Öffentlichkeit konterkariert wird (»Wir machen gar keine Rentenkürzung. Wir haben auch noch nie eine Rentenkürzung beschlossen.«). Leider ist die Doku nicht länger auf YouTube zu sehen … sie wird am 2. Juni um 22.30 Uhr im SR/SWR wiederholt! Weitersagen!
Im Zusammenhang mit der Rente werden auch immer wieder scheinbare Allgemeinplätze zur Demografie geäußert. Auch hierzu hat »Odysso« einen Magazinbeitrag zu bieten.
Zum Thema private Rente hat auch das Politmagazin »Monitor« einen sehenswerten Beitrag ausgestrahlt: »BILD und die Rentenangst – harte Interessen, weiche Zahlen« – im März 2006!
Ruanda – Rückkehr der Mörder
15. April 2008
Wer einmal die unheimlich intensive Doku »Zur Schuld verdammt« von Steven Silver gesehen hat, kann sich ein grobes Bild von der unvorstellbaren Grausamkeit des Völkermords in Ruanda im Jahr 1994 machen – und besonders davon, wie die Weltgemeinschaft vollständig versagt hat. Die BBC-Doku »Ruanda – Rückkehr der Mörder« erzählt von einem weiteren Kapitel dieser unmenschlichen Tragödie.
Man kann sich die Sendung auf YouTube in fünf Teilen ansehen.
Teil 1 auf YouTube
Teil 2 auf YouTube
Teil 3 auf YouTube
Teil 4 auf YouTube
Teil 5 auf YouTube
Mehr Infos zur Sendung bei BBC Germany.
Endlich Ruhe
15. April 2008
Wahnsinn; mein gerade fertiggestellter neuer Rechner ist so leise, dass man zweimal hinhören muss, um festzustellen, ob er überhaupt läuft – und das trotz vierer verbauter Lüfter. Möglich machen das die unfassbar laufruhigen Exemplare von Xen-Core, die ich kürzlich zufällig entdeckt habe. Im Zusammenspiel mit dem genialen CPU-Kühler von Noctua eine wahre Wonne. Alle krachgeplagten Rechner-Besitzer dürfen direkt zugreifen und die entspannende Stille genießen …
Konkurrenzlos günstig und mit freundlicher Beratung gibt’s die Sachen übrigens bei Friese IT.
Einstimmig
11. April 2008
Bei der morgendlichen toilettären Tageszeitungslektüre fiel mir vor einiger Zeit ein Satz auf, den ich bereits am Tag zuvor exakt so gelesen zu haben meinte. Und noch einer. Und noch einer.
Verdutzt suchte ich im Netz die Websites bekannter Zeitungen und Magazine auf und es bot sich mir immer das gleiche Bild: Als hätte ein Überjournalist per Copy & Paste denselben Artikel in allen Medien untergebracht. Als Quelle war jeweils eine deutsche Nachrichtenagentur, ich meine, die dpa, angegeben. Ich fragte mich, ob es denn sein kann, dass seriöse Journalisten einen kompletten Artikel einfach übernehmen und höchstens mit dem ein oder anderen Halbsatz aus dem eigenen Oeuvre garnieren? Höchst suspekt, leider kann ich mich nicht mehr an das Thema des Textes erinnern, aber sobald es mir wieder einfällt, ergänze ich es an dieser Stelle.
Weshalb ich diese alte Story wieder auspacke? Etwas ähnliches ist nun wieder passiert, nur etwas eklatanter, da eine klare Falschmeldung quer durch alle Medien gegangen ist.
Es geht um die von der EU angedachten Untertitelungen von Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Gestern habe ich das bereits gelesen und fand es durchaus sinnvoll. Allerdings scheint die Meldung bei einigen ganz anders angekommen zu sein, z.B. bei der französischen Nachrichtenagentur AFP. Die verbreitete seither fröhlich, dass Sendungen laut EU-Vorschlag künftig nur noch im Original mit Untertiteln ausgestrahlt werden sollen – und zig Medien plapperten diesen Unsinn nach.
Sehr treffend hat diesen Vorgang der Journalist Stefan Niggemeier in seinem Blog wiedergegeben.
Stellt sich die Frage, ob unsere angeblich immer schnellebigere Zeit der Grund für diese Arbeitsweise ist? Oder schlicht Bequemlichkeit? Es ist ja sicherlich weniger anstrengend, einmal STRG+C, äh, sorry, APFEL+C und APFEL+V zu drücken, als selbst zu recherchieren oder die kopierten Texte zumindest einmal grob auf die wiedergegebenen Behauptungen zu prüfen.
Man mag diesen konkreten Fauxpas als eher unwichtige Marginalie abtun, doch wer garantiert mir, dass mit wichtigeren, essenziellen Themen nicht ähnlich umgegangen wird? Dass aus lauter angewöhnter Nachplapperei auch Halbwahrheiten oder gar Lügen verbreitet werden, und zwar durchaus auch dauerhaft, wenn diese im Vorfeld von einer Lobby gut vorgekaut und dann als schmackhafte Häppchen serviert wurden?
»Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.«
– George Orwell, 1984
Spiegel Online: Herzog warnt vor Rentner-Demokratie
11. April 2008
Es wird mir langsam unheimlich, wie der Spiegel Meinungsmache einzelner scheinbar unreflektiert zu redaktionellen Texten verwurstet. Da wird in diesem Fall eine mehr als fragwürdige Äußerung Roman Herzogs zu einem Artikel, in dem sich mal wieder die üblichen Verdächtigen zum Thema Demographie äußern, unter anderem Meinhard Miegel, dessen Rolle in der Renten-Diskussion bereits in der Dokumentation, die ich vor einigen Tagen erwähnt habe, angesprochen wurde.
Hart aber fair: »Castingwahn«
10. April 2008
Henryk M. Broders politisch unkorrekte Art ist nicht jedermanns Sache. So mancher seiner Artikel ist mir aber eine willkommene Abwechslung vom Mainstream-Geschreibsel. Seine freundliche Abhandlung zu DSDS ließ mich allerdings nur stirnrunzelnd zurück. Dass er sich von der Sendung gut unterhalten fühlt, scheint ihm Grund genug zu sein, Superjuror Bohlen und RTL einen Freifahrtschein auszustellen, was die Behandlung der Kandidaten angeht.
Die »Hart aber fair«-Redaktion hat sich von dem Artikel wohl so inspiriert gefühlt, dass sie am gestrigen Abend eine Sendung mit dem branchenüblich aufgebauschten Titel »Superstar statt Fleißarbeit – verfällt ein Land dem Castingwahn?« produziert hat. Natürlich war Broder mit von der Partie und die meisten seiner Thesen, die von der Redaktion zu Einspielern verwurstet wurden. Unter anderem leider auch der unsinnige Vergleich mit unserer heutigen Arbeitswelt.
Ich habe Broder schon in einigen Diskussionen gesehen, und der Mann polarisiert immer. Gestern selbstverständlich auch, aber er lieferte zugleich auch eine schwache und peinliche Vorstellung ab. Seine albernen Kabbeleien mit dem von seinen Dauerkontern sichtlich überforderten Psychologen Wolfgang Bergmann und seine herablassende Art Joy Fleming gegenüber ließen einen vor lauter Fremdscham fast (aber nur fast) wegzappen. Treffend war an diesem Abend lediglich einer seiner zynisch-süffisant dargebotenen Kommentare, und zwar, als er Daniel Küblböck als »altklug« abkanzelte. Dessen selbstmitleidsgetränktes Gerede war kaum zu ertragen.
Auch Joy Fleming war leider eine eklatante Fehlbesetzung, denn sie wusste zum Thema nur Plattitüden beizusteuern und desöfteren ließ sie sich dabei ertappen, wie sie ihre eigentliche Meinung dem Applaus des Publikums anpasste: Auf ihr verzogenes Gesicht nach einem Einspieler mit Küblböcks kläglichen Sangesversuchen angesprochen, der aber unerwartet vom Publikum mit starkem Applaus gewürdigt wurde, verlautbarte sie eine halbherzige Lobhudelei, die ihr wohl niemand abgenommen haben dürfte.
Bergmann hingegen unterstellte DSDS eine große Zynik und Verantwortungslosigkeit und wurde zur Strafe von Broder und Thomas Stein in Grund und Boden geredet. Nicht, weil sie Recht hatten, sondern weil eine polternde Zynik einfach deutlich unterhaltsamer ist, als moralisch einwandfreies und politisch korrektes Fernsehen. Wobei wir wieder bei DSDS wären.
Wer bestreitet eigentlich, dass die Zuschauer die Sendung hauptsächlich wegen Bohlens Sprüchen schauen? Ein jeder kann aus diesen etwas anderes ziehen: Die einen plappern sie begeistert nach, andere empören sich einen Abend lang. Gut unterhalten fühlen sich alle.
Gibt es denn dann überhaupt ein Problem? Meines Erachtens ja, und es beginnt mit den Vor-Castings, bei denen neben guten Kandidaten vor allem abgedrehte Selbstdarsteller, aber auch viele unter einer völlig verqueren Selbsteinschätzung leidende Jugendliche zur nächsten Runde zugelassen werden, in der sie sich dann direkt vor Bohlens Jury und eventuell auch vor einem Millionenpublikum am Fernseher zur Schau stellen – falls sie peinlich, schlecht oder dumm genug sind, um von Bohlen ordentlich in die Pfanne gehauen werden zu können. Diese Jugendlichen haben ganz offenbar niemanden, der ihnen davon abrät, dies zu tun und werden nach der Sendung mit Häme und Spott übergossen, wie sie es sich nie hätten träumen lassen.
Als menschenverachtend empfindet es Broder aber vielmehr, wenn man Menschen vor sich selbst zu schützen versucht. Vielleicht ist ihm entgangen, dass 1970 im TV der Fernsehfilm »Das Millionenspiel« ausgestrahlt wurde, bei dem es darum ging, dass der Kandidat einer TV-Show eine Woche lang vor Auftragskillern flüchten muss und in dem die Zuschauer dazu aufgerufen wurden, ihm zu helfen oder ihn auffliegen zu lassen. Interessant war hier nicht unbedingt der Film selber, sondern die Reaktionen, die er beim realen TV-Publikum hervorrief: Obwohl der Kandidat im Film starb, riefen viele die fiktive Nummer an und wollten sich als Kandidat oder Verfolger für die Show anmelden. Dies klärt für mich die Frage, ob und wer die Menschen, ja, auch vor sich selbst schützen muss, sehr deutlich.
Derjenige, der Menschen eine Bühne bietet, trifft durch seine Auswahl und die Mittel der Präsentation unmittelbar die Entscheidung, wie diese wirken werden. Und wenn man, so wie RTL es immer wieder macht, den Boden beben lässt, wenn eine fülligere Kandidatin in Erscheinung tritt oder virtuelle Spuckesprenkler auf der Mattscheibe verteilt, wenn ein Kandidat lispelt, und das nicht nur einmal, sondern minutenlang, dann tritt die Absicht mehr als deutlich hervor.
Broder differiert nicht zwischen TV-Profis, die sich im Dschungel absichtlich zum Horst machen und völlig medienunerfahrenen Leuten, an deren unverblümter Erniedrigung sich Millionen von Zuschauern laben. Und das, wenn diese halbwegs originell war, zigmal, denn gerade diese Clips werden im Laufe der Zeit immer und immer wieder gezeigt. Der Leidensweg endet nicht mit einigen harschen Worten Bohlens, sondern er beginnt damit.
[Zusatz am 14.4.2008: Broder hat noch einmal nachgelegt und liegt immer noch total daneben.]
